Ich war gestern auf einer offenen Bühne.
Neben mir saß eine Gruppe bestehend aus vier Erwachsenen Ü50.
Bevor eine Solokünstlerin zum allerersten Mal mit Gitarre auf die Bühne ging, ahnte ich noch nicht, dass ich im Laufe des Abends zu einem der Männer sagen würde:
„Das ist zum Glück ganz einfach. Dort vorne, zwischen Tontechnik und Tresen – da hat der Maurer das Loch gelassen und der Tischler die Tür eingesetzt. Da ist es unkompliziert möglich raus zu gehen.“
Doch von vorn.
Eine Frau traute sich zum allerersten Mal mit Gitarre auf die Bühne.
Sie betonte mehrfach, wie herausfordernd es für sie sei zu spielen, während sie singe.
Und by the way: das ist für alle Musikmachenden herausfordernd und sagen auch die Profimusikerinnen und -musiker. Das nur am Rande.
Sie klärte vorab mit dem Techniker vor Ort noch viele Fragen zum Licht, Notenständer, dem Tonabnehmer an ihrer Gitarre und den Mikros. Dazu, ob sie noch einen Soundcheck machen könne und wann sie dran sei. Sie war so aufgeregt, dass sie den Text ihrer Lieblingslieder, die sie tausendfach gehört haben musste, ablas.
Zwischen den Stücken erzählte sie immer etwas von der Backstory des Songs, den sie spielen würde und nannte das Kompositionsjahr.
Das Gemurmel im Saal
Was ich beobachtete war mir völlig unverständlich: anstatt sich auf das Lied zu freuen, fingen jedes Mal ca. 90% des Saals an zu murmeln das Jahr könne nicht stimmen, es sei falsch.
What the hell? Das ist mir doch egal, ob sie das richtige Jahr nennt. Das sitzt ne Solokünstlerin super aufgeregt mit ihrer Gitarre auf der Bühne, also Klappe halten, dachte ich.
Was ich auf der Bühne sah
Denn, was ich sah, war nicht die tüddelige etwas ältere Frau, die schlecht lesen konnte, weil das Licht zu dunkel war oder, die die falschen Jahreszahlen notiert hatte.
Ich sah eine Frau, die sich von ihrem Alter nicht abhalten ließ das zu tun, wovon sie eventuell schon Jahrzehnte geträumt hatte: irgendwann mal auf einer Bühne Musik zu machen.
Ich sah den ungeheuren Mut, den sie aufbrachte, um mit ihrer Angst und all der Aufregung da oben stehen und singen zu können.
Ich sah eine Frau, die nicht einfach nur Nicole´s „ein bisschen Frieden“ und Alexandra´s „mein Freund der Baum“ sang. Ich sah die Frau, die sich nichts sehnlicher wünschste, als dass Frieden und Miteinander all over the world Realität wurden.
Und ich sah noch etwas:
Menschen, die mitsangen – aus Freude, nicht weil sie mussten.
Mich, wie mir still und leise die Tränen über die Wangen liefen, weil sie mich mit ihrem Gesang berührte und mir eine Erinnerung an meine verstorbene Mama schenkte.
Und ich hörte das Gequake neben mir.
Deutlich, aber zum Glück sehr leise.
Falsche Jahreszahlen, „tüddelige Alte“, „oh ne nicht noch eins“, „das kann sich doch niemand anhören“, „hört die das nicht selbst?“ sowie viele Ohhss und aaahhs, wenn immer wieder Töne out of tune waren.
Dann kam Hendrik auf die Bühne, war stolz und freute sich wahnsinnig über ihren Auftritt. Und fragte, ob sie noch einen zum Abschluss singen. Das war der Moment Sekunden vor meinem „Auftritt“.
Der Mann (vom Anfang) neben mir schlug sich die Hände vor´s Gesicht, den Kopf nach hinten und sagte „oh nein, nicht noch einen. Ich muss hier raus.“
Da reichte es mir
Ich beugte mich vor, sah ihn direkt an und sagte:
„Das ist zum Glück ganz einfach. Dort vorne, zwischen Tontechnik und Tresen – da hat der Maurer das Loch gelassen und der Tischler die Tür eingesetzt. Da ist es unkompliziert möglich raus zu gehen.“
Danach drehte ich mich wieder zurück. Ließ keinen Raum für Gespräch oder gar Diskussion. Es war alles gesagt.
Es hatte mich schon den ganzen Abend wütend gemacht, aber ich hielt mich zurück. Ich bin nicht hier um zu belehren. Aber ich bin auch nicht hier still zu sein, sondern um Perspektiven zu verändern.
Diese Frau steht stellvertretend für so viele Menschen, die sich nicht trauen zu tun, was sie gern tun wollen würden.
Für Frauen, die sich in meinen Räumen ihr Leben zurückerorbern und anfangen zu tun, was sie wirklich wollen und aufzuhören Anderen gefallen zu wollen.
Und diese Vierergruppe stand stellvertretend für all die Menschen, die mobben, in dem sie auslachen und sich lustig machen. Die nicht supporten, sondern sich wünschen du mögest verschwinden. Die Fehler sanktionieren und sich ausschließlich auf diese fokussieren.
Was mir ehrlich leid tut: sie hatten keine Chance den wunderschönen Klang ihrer Stimme zu hören. Keine Chance sich im Herzen berühren zu lassen. Und sie haben etwa 30 Minuten des Abends damit beschäftigt sich auf das zu konzentrieren, was „scheiße“ ist. Ich hingegeben hatte einen wundervollen Abend.
Und heute weiß ich:
Es war wieder ein Stück Heilung für mich.
Denn mich hat man in der Schule ausgelacht für meine schiefen Töne.
Heute weiß ich: die Ursache dafür war nicht das Singen, es war das Hören und seit ich das geschult hab, kann ich on tune singen. Den Mut auf die Bühne zu gehen baue ich seit Jahren auf und ich weiß: es ist soweit. Selbst dann, wenn im Publikum solche Reaktionen entstehen…
Was würdest du tun, tust es aber wegen der möglichen Meinung oder solcher Sprüche Anderer nicht?
Teil es in den Kommentaren und steppe so hinein in deine wahre Größe, die längst in dir angelegt ist. Du brauchst gar nicht über dich hinauswachsen, sie ist längst da. Und ich kann sie sehen und fühlen.
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Herzliche Grüße,
Miriam




